Welches Hörbuch hörst du aktuell?

"Beim Lesen lässt sich vortrefflich denken." - Leo Tolstoi
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Ikelos
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Welches Hörbuch hörst du aktuell?

Beitragvon Ikelos » Mo 13. Okt 2014, 09:25

Ich bin mal so frei, mich hier mit einzuklinken, und da ich mich im Moment eher dazu hinreißen kann mal ein Hörbuch zu hören, als ein Buch zu lesen (wobei letzteres auch geschieht, im Grunde höre und lese ich parallel - Hörbücher bei der Arbeit und alleine im Auto, andere Bücher abends oder tagsüber mal für eine kleine Weile), eröffne ich diesen Thread, um einen kleinen Einblick in meine Hörbücher zu geben. Dabei lege ich wert auf die Qualität von Story, wie es vorgelesen ist und was man davon erwarten darf.
Da ich meist Romane höre, sind hier von meiner Seite keine großen Literaturperlen zu erwarten, sondern meist die seichte Form der Unterhaltung.

Heute werde ich in meiner Hörbuchdatenbank nach einem neuen Hörbuch schauen und die Eindrücke dazu dann hier vermitteln. Ein bereits abgeschlossenes Projekt möchte ich hier aber bereits vorstellen:

Terror

Titel: Terror
Autor: Dan Simmons
Jahr: 2008
Übersetzt von: Friedrich Mader
Gelesen von: Detlef Bierstedt
Länge: 28 Std. 45 Min. // 992 Seiten

Kurzer inhaltlicher Abriss:
Dieses Hörbuch handelt von der Arktisexpedition aus dem Jahr 1845, welche so gnadenlos in die Bütten ging, von der man heute aber wenig weiß, insbesondere was genau passiert ist. Man hört ein wenig Vorgeplänkel zur Expedition, zum Beispiel mahnende Stimmen und was vorbereitet werden muss, die Besorgung der Nahrungsmittel, das melden der Freiwilligen (oft auch in Rückblenden) und schließlich alles zur Expedition selbst. Dabei baut Simmons am Nordpol in der Nähe von King-William-Land nicht nur realistische Sichtweisen ein, sondern auch fantastische Elemente aus der Mythologie der Inuit. Es werden Helden aufgebaut und gleich wieder niedergerissen (Sir John Franklich, Francis Crozier und einige rangniedrigere Leute). Große Katastrophen folgen kleinen Katastrophen, und eigentlich müsste man sehr niedergeschlagen sein, wenn man dem Roman folgt, doch ist es meist sehr spannend, das Fortkommen der Expedition zu beobachten.


Atmosphäre: Dass Dan Simmons schreiben kann, ist nicht erst seit gestern bekannt. Er schafft es, dass die Situation am Nordpol gut eingefangen wird und bringt dies in einer sehr dichten Atmosphäre und Erzähltiefe rüber. Er hat für diesen Roman sehr viele Quellen bedient und sich viele Gedanken dazu gemacht, um sowohl die Seefahrtsbegriffe und Abläufe einzubauen, als auch die Kultur der Inuit näher zu bringen. Dabei kann er bis zum Schluss die Spannung aufrecht erhalten, obwohl doch bereits unweigerlich bekannt ist, was damals mit der HMS Erebus und der HMS Terror geschehen ist. Kleine Abzüge muss ich jedoch besonders im anfänglichen Teil des Buches machen, denn da zieht es sich ziemlich stark hin. EIn Phänomen, was ich auch bei Drood beobachten konnte. Er braucht, bis er in die Geschichte einsteigen kann, seine Vorbereitungszeit, was schade ist, da er sehr interessante Charaktere hat, die jedoch erst später an Interesse gewinnen. Hat man diese erste Phase überstanden, kommt man jedoch in den Genuss eines sehr schön geschriebenen Romans. Dazu trägt auch bei, dass er in fast jedem Kapitel die Sichtweise und die Erzählperspektive wechselt. Mal gibt es den allwissenden Erzähler, mal den Ich-Erzähler in Form eines Tagebucheintrags, und oft aus der Sicht eines anderen Besatzungsmitglieds, um die Sicht der Dinge und die Ereignisse von allen Besatzungsschichten zu beleuchten. Es ist schön zu wissen, wie die Besatzung über Krisen denkt, aber auch wie die Kapitäne damit umzugehen wissen.

Kritik:Ich habe wenige Kritikpunkte an dem Roman auszusetzen. Positiv gefallen hat mir die exzellente Darstellung des Charakters Francis Crozier, welcher der Hauptcharakter des Buches ist. Allgemein schafft Simmons es ziemlich gut, Charaktere darzustellen und auch zu entwickeln. Ich bin nachhaltig begeistert davon, wie er sich die Zeit nimmt und immer wieder Anekdoten einwirft und damit den Charakter zu einem tiefen Konstrukt macht, den man besser kennt, als manche seine Freunde. Allerdings wandelt der Autor da auf einem schmalen Grat. Manchmal könnte er sich kürzer fassen zugunsten der Geschichte, und da ist eben die Frage, was genau er will. Will Simmons eine eigentlich schnell erzählte Story aufpeppen, indem er seine Charaktere daran entwickelt? Will er eine Charakterstudie schreiben? Im bereits dritten Buch, welches ich von Simmons höre, fällt mir auf, dass die Protagonisten den eigentlichen Fokus genießen und die Story selbst lediglich als Faden genommen wird, an dem die Entwicklung der Charaktere stattfindet. Ich finde das nicht schlecht, im Gegenteil, ich finde dieses stilistische Mittel hervorragend, weil man so mit einem interessanten Charakter eine schwächere Story kaschieren kann, oder eben in diesem Fall eine eigentlich bereits bekannte Geschichte erzählen kann, ohne dass sie langweilig wird.
Wahrscheinlich ist dies auch nicht besonders uneigennützig, denn wenn etwas Leserschaften zieht und beibehält, dann Personenkulte. Nicht umsonst heißt die Reihe von Rowling "Harry Potter" und nicht "Die Welt der Zauberer". Es sind die Charaktere, die hängen bleiben, und weniger die Story, wie man auch oft bei Kinofilmen sieht. Gerade bei schwachen Filmen wie Avengers werden Charaktere wie Tony Stark, Thor und der Hulk eingebaut, die durch ihre Aktionen und Sprüche der ganzen Sache Würze verleihen. Man erinnert sich bei dem Begriff Avengers automatisch an sie und denkt sich: Ja doch, war cool. Ähnlich wird es bei Terror aussehen. Man wird sich an Crozier erinnern, vielleicht auch an Fitzjames oder den Kalfaterersmaat Hickie, eventuell auch an den Chirurgen Goodsir. Aber wenige werden wohl zurückblicken und die Story - obgleich gut erzählt - in den Himmel loben, wenn man sich an das Buch erinnert.
Vom Unterhaltungswert würde ich dem Buch 9 von 10 Eisbären geben. Es dauert ein wenig, bis die Geschichte Fahrt aufnimmt, und es dauert noch länger, bis wirklich mal was passiert, aber wenn der Punkt erst erreicht ist, mag man gar nicht aufhören zu hören. Das liegt wohl auch daran, dass Detlef Bierstedt der Leser ist, welcher eine starke Arbeit abliefert.

Anekdote: Während ich das Buch hörte, las diesen Artikel

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Re: Welches Hörbuch hörst du aktuell?

Beitragvon Ikelos » Mi 15. Okt 2014, 19:22

Heute habe ich mein neues Hörbuch angefangen und davon schonmal den Prolog gehört. Ich werde den Inhalt in Spoiler packen, soweit ich den hier reinpacke, da ich ja doch eher in kleinen Häppchen höre, meine sonstigen Eindrücke allerdings gerne wieder ausführlicher verfassen.

Planetenwanderer

Titel:Planetenwanderer
Autor:George R.R. Martin
Jahr: 2013
Übersetzt von: Berit Neumann
Gelesen von: Reinhard Kuhnert
Länge:16 Std. 47 Min. // 511 Seiten

Warum dieses Hörbuch?
Ich habe mich lange schwer getan, mir ein neues Buch rauszusuchen, welches für mich interessant wäre. Audible hat eine fürchterliche Ordnung (nämlich keine) in den einzelnen Kategorien, und ich habe es irgendwann aufgegeben, mich durch knapp 600 Werke aus der Fantasy zu wälzen. Kriterien, die Hörbücher für mich erfüllen mich, sind: spannende Geschichte, ein Erzähler dem man zuhören kann, eine ungekürzte Fassung und natürlich ein passendes Thema, welches mich anspricht. Ob die Geschichte spannend ist oder nicht lässt sich im Vorwege ja leider nur selten sagen, deshalb muss ich mich dabei auf eine kurze Inhaltsangabe verlassen, die ja aber leider in den meisten Fällen auf Spannung erzeugen getrimmt ist. Das ist bedauerlich, aber trotzdem zumindest eine Hilfestellung. Den Erzähler kannte ich bisher noch nicht, aber das muss nichts bedeuten. Ich kann zum Glück in Hörproben reinhören und habe festgestellt, dass der Leser in Ordnung ist. Ob er an einen Detlef Bierstedt heranreichen wird? Ich lasse mich überraschen, habe aber meine (wohl auch berechtigten) Zweifel. Dennoch gebe ich ihm die Chance, dass er mich überzeugen darf. Die ungekürzte Fassung liegt vor, damit ist das Kriterium auch erfüllt, und das letzte, was ich brauchte, was das überzeugende Thema: fremde Welten mit futuristischem Szenario bei einem der großen Schreiber der Fantasy.
Ich gebe zu, dass ich hier auch auf den Namen geschaut habe und mich von ihm gerne überzeugen lassen würde, dass er auch außerhalb von Westeros Welten darstellen kann. Für mich bislang noch nicht in Frage kam sein Buch Wild Cards, welches von Mutationen im Spielkartensystem handelt (mag ja ne nette Idee sein, aber ich glaub da hat er wohl leider beim Skat kloppen zu tief ins Glas geschaut und kam dabei auf die Idee ^^) und seine beiden Anthologien Traumlieder. Während ich das hier schreibe und über Amazon schmökere sehe ich, dass er auch einen anscheinenden Werwolfroman herausgebracht hat in diesem Jahr. Reizt mich auch weniger. Also, die Wahl fiel Planetenwanderer. Ich bin dabei besonders gespannt darauf, wie Martin, der seinen Fokus ja auch klar auf seine Charaktere gelegt hat (welche die Story bestimmen, und nicht andersherum - zumindest habe ich eher das Gefühl, dass die Welt Westeros aus den Handlungen seiner Charaktere entstanden ist und nicht aus seinen eigenen Vorstellungen, was mal passieren könnte), seine Charaktere in einem Roman entwickelt, der plötzlich bloß noch 511 Seiten hat. Außerdem interessiert mich das Szenario, welches im Prolog angerissen wurde. Gut, ich lasse mich überraschen, was entsteht und werde mein erstes Urteil wohl nach einem knappen Drittel (oder einer abgeschlossenen Handlungseinheit, je was früher geschieht) fällen und darstellen.

Prolog:
Inhalt, Spoilergefahr:
Man erfährt in diesem kurzen Prolog von einer Gefahr für einen fremden Planeten, welche Seuchenstern genannt wird. Dieser Seuchenstern strahlt Krankheiten ab und vernichtet damit ganze Zivilisationen. Wahrscheinlich wird man den Tagebuchschreibenden (denn ein solcher Eintrag ist es, wenn auch digitalisiert - sprich es wurde gefunden und ausgewertet) nicht mehr wiedersehen, denn gemäß einer alten Tradition folgend stirbt dieser am Ende des Prologs durch Selbstmord, nachdem er sein Glas Wein geleert hat.


Buchbesprechung:
Nachdem ich bis in die zweite Geschichte vorgedrungen war, ist mir auch aufgefallen, dass das Buch tatsächlich nicht zusammenhängend ist, sondern für sich abgeschlossene Kurzgeschichten beinhaltet, die jedoch alle das gleiche Thema haben: Das alte Ingenieurskorps der Erde, welche das Klonen für sich entdeckt hat. Der Hauptcharakter hat ein altes Schiff entdeckt, welches ebenjene Technologie beherrscht. Es ist der Seuchenstern aus dem Prolog. Mit einer Gruppe reiste er dorthin und sollte ihn bergen. Typischer Martin: Er ist der einzige Charakter, der ebenjene Bergung überlebt. Er und seine Katzen. Er mag Katzen. Das ist wichtig und wird im Laufe der Geschichten immer wieder betont. So viel zur Vorgeschichte. Oder zusammengefasst: Mann mit wenig Geld findet ein mächtiges Kampfschiff, welches er alleine steuern kann und nebenbei noch mit dem - wie es heißt - Saatschiff durch Erschaffung von Lebewesen Geld verdienen kann, und lebt fortan wie ein Gott.

Dass ich das Hörbuch gehört habe, ist mittlerweile ein Weilchen her, und ich vervollständige diese Rezension nur damit sie vollständig ist. Denn obgleich sie schon spannend zu hören war, ergab sich doch nie ein wirklicher Spannungsbogen. Lediglich der trockene Humor der Hauptperson, die sonst auch sehr flach ist und nur einige Allmachtsfantasien entwickelt, hilft einem, bis zum Ende zu kommen, und wäre es ein Buch gewesen, hätte ich es wohl nicht fertig gelesen sondern hätte nach der zweiten oder spätestens dritten Kurzgeschichte eine bis heute andauernde Pause gemacht. Die Botschaft des Buchs scheint wohl zu sein, dass man nicht ohne Weiteres in existierende Biosysteme eingreifen sollte, da dies immer irgendwelche schwerwiegenden Veränderungen nach sich zieht, welche die ganze Welt ins Chaos stürzen. Das ist soweit auch gut rübergebracht, jedoch in vielfacher Zahl und somit irgendwann auch vorhersehbar. Am interessantesten war noch die erste Geschichte nach dem Prolog, in der sich die Söldner darum streiten (mit Waffengewalt) wer das Schiff bekommt und damit den Sechser im Lotto zieht.

Mein Fazit zu dem Buch klingt deutlich negativer, als ich das Hörbuch damals angesehen habe. Beim Hören gab es schon einige Längen, aber nun zurückblickend muss ich sagen, dass ich das Hörbuch nicht empfehlen würde. Der Prolog hat mit dem Buch so gut wie nichts zu tun und wirkt mehr wie eine kleine Schreibübung, die unbedingt den Weg ins Gesamtwerk finden sollte. Schade, denn im Prolog gab es deutlich mehr Potential für eine andere Geschichte, als sie schließlich geworden ist. Für eine spannendere Geschichte im Stil von Riddick. Aber das waren meine Erwartungen und diese wurden schließlich nicht erfüllt. Damit muss ich leben und mir bleibt nun nichts, als meine stark subjektiv geprägten Eindrücke festzuhalten, um anderen möglicherweise eine Enttäuschung zu ersparen.

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Re: Welches Hörbuch hörst du aktuell?

Beitragvon Ikelos » Mo 19. Jun 2017, 20:13

Ich nähere mich dem Ende von einem weiteren Hörbuch zur Scheibenwelt und möchte meine Eindrücke dazu abgeben. Ich möchte es in einen Zusammenhang mit zwei weiteren Hörbüchern stellen und diese hier ebenfalls erwähnen.

Titel: Die volle Wahrheit

In Die volle Wahrheit geht es um die Erfindung und Einrichtung einer Zeitung in Ankh-Morpork, genauer um die Ankh-Morpork Times, durch den Adelssohn William de Worde. Dabei behandelt werden die Probleme des vielfachen Drucks, der Konkurrenz, Akzeptanz am Markt und natürlich der Frage, was eigentlich lesenswert ist in einem Volk, welches selbst kaum des Lesens mächtig ist. Im Hintergrund findet dabei noch eine Verschwörung gegen meinen großen Liebling Havelock Vetinari statt. Die "Journalisten" der Zeitung verstehen sich selbst als Agenten, welche mächtig Staub aufwirbeln und zur Aufklärung beitragen. So werden also die typischen Schnüffler geboren. Als kleiner Teaser: Der Patrizier ist selbst Verdächtiger eines Mordes.

Was gefällt mir an diesem Hörbuch?
Nun, ich war erst skeptisch. Die Stimme von Michael Che-Koch hatte mich anfangs irritiert, gerade da ich zuvor viele Bücher von Rufus Beck und David Nathan vorgelesen bekommen habe. Mit der Zeit habe ich mich allerdings daran gewöhnt, und ich muss nun zum Abschluss ds Hörbuchs sogar sagen, dass mir die Stimme in Verbindung mit dem jungen und frischen Stil sowie dem lockeren und leichten Gemüt des Protagonisten doch ziemlich gut gefällt. Gewohnheit macht viel aus, und wenn man aus dieser ausbricht (hier die Gewohnheit der vorlesenden Stimmen) kann man doch jede Menge tolle Sachen entdecken.
Außerdem gefällt es mir, dem Prozess einer Entstehung und einer Entwicklung beiwohnen zu können. Wie entsteht diese Zeitung, welche Entwicklung nimmt sie, welche Schwierigkeiten gibt es dabei? Ich habe bereits das Hörbuch zur Entwicklung der Eisenbahn, des Bargelds und der Post mitgenommen und finde es immer wieder schön, welche Gedanken dahinterstecken und mit welcher Plausibilität das rübergebracht wird. Ich weiß nicht, wie stark sich der gute Terry P an der Realität orientiert hat, aber ich kann mir schon vorstellen, dass er dort nachgeforscht hat.
Dazu kommt die Entwicklung der Charaktere und allgemein die Charaktere an sich. Manche sind typisch Pratchett stark überzeichnet, manche sind etwas dezenter. Wie die Schminke auf der Bühne ist es hier besser, wenn manche Dinge überzeichnet sind, damit man diese besser wahrnehmen kann, gerade inmitten all der anderen Charaktere.

Was bleibt am Ende als Eindruck?
Das Bedauern, dass der gute Terry P leider schon abtreten musste. Ich habe das Hörbuch sehr genossen und gebe eine absolute Empfehlung weiter.


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